e42 CD / Johann Sebastian Bach: French Suites
Beschreibung
Unter dem Ticken von Metronomen mühen sich Tag für Tag viele Klavierschüler mit den Französischen Suiten. Sie sind spielbar und kurz, taugen kaum für die Entfaltung virtuoser Pracht. Bach schrieb sie für Anna Magdalena, seine zweite Frau, eine Sängerin. Das Interesse großer Pianisten an ihnen verwundert. Es zeigt sich in Glenn Goulds individueller genauso wie in Evgeni Koroliovs musterhafter Aufnahme, um nur zwei Bezugsgrößen auf dem Konzertflügel zu nennen. Für Christoph Ullrich liegt der Reiz darin, die Perspektive ändern zu können: „Es gibt, gerade in der Barockmusik, ja nur wenige Spielanweisungen. Ich kann die Grundparameter der Musik – also das Tempo, die Dynamik, die Artikulation, die Klangfarbe – (…) in unendlich vielen Variationen verändern.“ So schreibt er im Booklet – und so setzt er es um. In kommunizierenden Stimmen von vollkommener Autonomie; in Phrasen, die wie vokale Linien aufscheinen; in kecken Kontrapunkten; in einer Vielfalt an Anschlagsvarianten – bis hin zur Imitation eines Cembalos mit zwei Manualen im Menuett der Suite Nr. 3. Ullrich muss irgendwo eine Experimentierwerkstatt unterhalten, wo er all die Klänge sucht und findet, von denen wir gar nicht wussten, dass der Steinway sie bietet. So spontan und facettenreich klang Bach lange nicht mehr. Heinz Gelking
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Klassik heute –
Der aus Göttingen stammende, von Kapazitäten wie Leonard Hokanson, Claude Frank und Rudolf Buchbinder betreute und sicher auch geprägte Pianist Christoph Ullrich plädiert für die Werke Johann Sebastian Bachs in einer spontan ansprechenden Mischung aus praktischer Gediegenheit und einer wie aus dem Verborgenen – dem gleichsam geschützt Privaten – kommenden Innerlichkeit. Alles Gewusste, alles Gelernte wirkt in Ullrichs Erweckung der Französischen Suiten geläutert und jeglichem pianistischen Imponiergehabe entrückt. Er umkreist, betastet im doppelten Sinn des Wortes die Bachschen Klaviergebilde – durchaus in Person eines schauenden, fühlenden, ja immer wieder staunenden Wiedergeburtshelfers, den diese Musik schon früh in Schwingung versetzte. Ullrich im Begleittext: „Die Wurzeln meiner tiefen Verehrung und Freundschaft zu Bach liegen unter der bunten heilen Welt meiner Kindheit verborgen.“
Zum Glück für den Hörer dieser, von der Fertigung her tadellosen EigenArt-Edition, bleibt im Verlauf von Ullrichs Tanzerkundungen nicht verheimlicht, was er an Wärme, Perspektivreichtum und konstruktiven Elementen entdeckt hat. Während viele Interpreten diese weitgehend tänzerisch pointierten Stücke in der instrumentalen Ich-Form erzählen – energisch, brillant, herausfordernd –, gestattet Ullrich sich die Freiheit, Bachs gehobenste Unterhaltungsmusik über weite Strecken andeutend zu deuten. Er sichert den bedächtigen und den raschen Passagen eine Aura der bewegten Friedfertigkeit, er nimmt sich – wie mir scheint – als Bach-Enthüller vornehm zurück und bindet den Hörer paradoxerweise gerade dadurch eng an die Musik und an sein persönliches Erleben.
In Kenntnis etwa von Glenn Goulds sezierender Suiten-Pathologie, von András Schiffs launiger, entwaffnend offener Bach-Gesprächigkeit oder Emil Gilels‘ – im Rahmen der G-Dur-Suite (BWV 816) – zärtlicher, sinnlicher Tongebung erweist sich Ullrichs Bach „à la francaise“ als Möglichkeit, enge Werkbeziehung auch ohne vordergründige Auffälligkeit bestätigen zu können. Wenn man will: die indirekte, vorsichtige Beleuchtung eines Gegenstandes kann unter Umständen zu klarer, glaubhafter Wahrnehmung führen …
Aus Gründen der für eine CD zur Verfügung stehenden Spieldauer musste Ullrich auf Vollständigkeit der Werkreihe BWV 812 bis BWV 817 verzichten. Man mag dies bedauern und im selben Moment an die Repertoire-Möglichkeiten eines Doppelpacks denken. Wünschenswert also wäre es, dass die erste Suite nachgereicht wird, genügend „Beiwerk“ dürfte ja in den Kindheitserinnerungen des Interpreten „verborgen“ liegen.
Peter Cossé
Frankfurter Rundschau –
Weit hat der Frankfurter Pianist Christoph Ullrich seinen Stammbaum zurückverfolgt, einem Musiker ist er dabei nicht begegnet. Wohl aber einem Bierbrauer, der in Arnstadt und damit an der ersten Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs seinem Handwerk nachging.
Ob Bach, der bekanntlich ein großer Biertrinker vor dem Herrn war, Kunde von Ullrichs Ahn war? Im Booklet seiner neuen CD mit Bachs „Französischen Suiten“ spekuliert der Pianist ebenso launig wie pointiert darüber und bezeichnet die Bach’sche Klaviermusik als Dank und „Seelengeschenk“ des Komponisten des 18. Jahrhundert an den Pianisten des 20. Jahrhunderts.
Bier gegen Suiten, ein guter Tausch. Und Christoph Ullrich geht mit diesem Lohn sorgfältig, ja behutsam um. Er spielt die Suiten BWV 813 bis 817 (BWV 812 fehlt hier) betont entromantisiert, allenfalls die G-Dur-Suite bekommt einen fülligeren Ton. Die übrigen Werke nimmt Ullrich meist in betont cembalistischer Manier, non-legato-Klarheit ist sein Ziel. Klanglich interessant ist hier auch das „echte“ una corda, das sich Ullrich von seinem Klavierstimmer eigens für die Aufnahme hat präparieren lassen.
So werden beim Halten das linken Pedals des Steinway-Flügels nicht wie üblich immerhin noch zwei Saiten zum Klingen gebracht, sondern wirklich nur eine. Den Effekt kann man beispielsweise im Menuett-Satz der Suite Nr. 3 hören: Der Ton ist dünn, wirkt eigentümlich isoliert. Ein Fingerspitzenton.
Christoph Ullrich, in Frankfurt und der Region vor allem durch seine vielgestaltigen Kreativkonzepte in der Kinder- und Jugendarbeit bekannt, hat nach seinen vor sieben Jahren veröffentlichten, sinnlich- tiefsinnigen Mozart-CDs nun ein Bach-Album vorgelegt, das sich nicht minder durchdacht präsentiert. Etwas distanzierter, spröder auch, doch mit dem feinherbem Charme und der Geschmackssicherheit eines Brauer-Urururenkels.
Stefan Schickhaus
Enjoy the music –
Tacet, ein in Deutschland ansässiges Unternehmen, das sich auf hochauflösende Musik sowohl auf CD als auch als Digital-Download spezialisiert hat, bietet nun die Französischen Suiten BWV 813–817 von Johann Sebastian Bach mit Christoph Ullrich am Klavier an.
Christoph Ullrich ist ein kreativer Kopf und hat viele Ideen, die er ständig umsetzen möchte. Er ist vor allem durch das „Ohrwurm“-Projekt bekannt, eine Art Musikwerkstatt für Schulkinder, die mittlerweile weit über Hessen (seinem Heimatbundesland) hinaus auf Tour geht und klassische Musik für Kinder aller Art zugänglich macht. Dabei steht der Spaß natürlich immer im Vordergrund – wie könnte es bei Christoph Ullrich auch anders sein!
Dieses Album enthält fünf französische Suiten von Bach – und jede Menge Freude! Bach ist ein Kosmos, größer als ein einfacher Kopf, und viele Dinge haben in diesem Kosmos Platz, solange sie die Kraft von Bachs Tönen nicht einschränken.
Daher ist Christoph Ullrichs Spiel stets organisch und natürlich, als müsste es genau so geschehen. Sie werden überrascht sein!
Pizzicato –
Christoph Ullrich stellt dem Hörer einen eher unkonventionellen und im Grunde doch klassischen Bach vor. Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch erscheint – kann eine klassische Interpretationsweise unkonventionell sein? – erweist sich als ungemein ernsthafte Auseinandersetzung mit den Französischen Suiten. Er akzentuiert den Tanzcharakter und verzichtet auf eine strukturbetonte und zu ernste Spielweise (nicht zu verwechseln mit ‚ernsthaft‘). Bei ihm entwickeln sich die Werke organisch und mit einer gewissen Spontaneität, jedoch ohne Kapriolen, Aha-Effekte.
Alain Steffen
image hifi –
Unter dem Ticken von Metronomen mühen sich Tag für Tag viele Klavierschüler mit den Französischen Suiten. Sie sind spielbar und kurz, taugen kaum für die Entfaltung virtuoser Pracht. Bach schrieb sie für Anna Magdalena, seine zweite Frau, eine Sängerin. Das Interesse großer Pianisten an ihnen verwundert. Es zeigt sich in Glenn Goulds individueller genauso wie in Evgeni Koroliovs musterhafter Aufnahme, um nur zwei Bezugsgrößen auf dem Konzertflügel zu nennen. Für Christoph Ullrich liegt der Reiz darin, die Perspektive ändern zu können: „Es gibt, gerade in der Barockmusik, ja nur wenige Spielanweisungen. Ich kann die Grundparameter der Musik – also das Tempo, die Dynamik, die Artikulation, die Klangfarbe – (…) in unendlich vielen Variationen verändern.“ So schreibt er im Booklet – und so setzt er es um. In kommunizierenden Stimmen von vollkommener Autonomie; in Phrasen, die wie vokale Linien aufscheinen; in kecken Kontrapunkten; in einer Vielfalt an Anschlagsvarianten – bis hin zur Imitation eines Cembalos mit zwei Manualen im Menuett der Suite Nr. 3. Ullrich muss irgendwo eine Experimentierwerkstatt unterhalten, wo er all die Klänge sucht und findet, von denen wir gar nicht wussten, dass der Steinway sie bietet. So spontan und facettenreich klang Bach lange nicht mehr.
Heinz Gelking